Sonntag, 29. Januar 2012

sorry

Bitte entschuldigt den gestrigen Beitrag! Ich habe keinen Grund zum Jammern. Wer - ob Muslim oder nicht - lebt schon so eine Utopie, wie ich sie mir ausgemalt habe? Und wieviele Leute auf der Welt sind wirklich einsam, allein, verlassen?

Ich hingegen habe eine Familie, Freunde, die für mich da sind, auch wenn sie mich nicht mehr (oder noch nicht? sabr!) so recht verstehen. Mein Leben ist ausgefüllt, ich bin gesund, ich habe nicht mehr Sorgen als andere Leute auch. Glaubt mir, ich bin viel öfter glücklich als traurig! Und ich bin unendlich dankbar, dass ich Muslima werden durfte.

Am liebsten würde ich den Post löschen. Aber weil er schon veröffentlicht ist, und weil es auch zu mir gehört, dass ich mal ein Tief habe, lasse ich ihn stehen und bitte euch, ihn als das zu nehmen, was er ist: ein ganz normaler momentaner Durchhänger. Schon vorbei, al hamdu-lillah.

Samstag, 28. Januar 2012

traurig

Manchmal, zum Beispiel auf so einem Spaziergang an der Küste,  möchte ich ganz spontan "SubhanAllah" rufen, weil ich etwas Schönes sehe. Ich möchte sagen: schau, welch ein Wunder, was für eine Gnade Gottes!  

Manchmal fällt mir ein Koranvers ein und ich würde ihn gerne teilen und darüber reden. Oder ich freue mich, dass ich einen neuen Vers auswendig gelernt oder gerade etwas Wichtiges verstanden habe und ich möchte, dass sich jemand mit mir freut. Es wäre schön, wenn mich ab und zu jemand aufmuntern würde, beim Erlernen der arabischen Sprache und beim Aneignen von Wissen über die Religion. Wie wunderbar, wenn sogar jemand mit mir zusammen lernen würde, mich die Vokabeln abfragen, mich beim Rezitieren korrigieren könnte. Das höchste der Gefühle wäre, mal nicht allein zu beten. Mal einfach was abzuschauen. Jemanden zu haben, der mir sagt, wenn ich was falsch mache. Wie gerne würde ich Fragen, die bei der Lektüre des Koran oder anderer islamischer Literatur auftauchen, mit jemandem besprechen können. Am allerliebsten mit jemandem, der viel weiß. Mit dem ich vom hundertsten ins tausendste kommen kann. Mündlich. Jetzt. Gleich.  Und nicht irgendwann im www, wenn gerade jemand online ist und Zeit hat. Und ich einen Teil meiner Fragen vergessen habe.

Wie schön wäre es, mal nicht einen Roman schreiben zu müssen, damit mich jemand da draußen versteht - es würde reichen, einander anzusehen und jeder wüsste, was der andere gerade denkt und fühlt. 

Das Gegenteil ist der Fall. Ich muss mich zurückhalten mit religiösen Äußerungen, sonst wird es mir als missionieren ausgelegt. Es erinnert  daran, dass ich spinne. Dass ich ein wenig bemitleidenswert bin. Man geht in Abwehrhaltung,  bringt immer wieder gerne Argumente gegen Religion im Allgemeinen und den Islam im Speziellen vor.  Ich habe Verständnis dafür, muss es haben, da ich diesen Standpunkt aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann. Also schweige ich.

Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterhin hier, in Foren, auf fb meine Gedanken und Gefühle zu teilen. Denn auch wenn ich mir sicher bin, dass Er mich nicht verlässt - ich bin nur ein Mensch, der sich mit anderen Menschen austauschen muss. Ein Mensch, der sich sich manchmal ziemlich allein fühlt und nicht zeigen darf, dass er traurig ist, um Falschverstehern nicht noch ein zusätzliches Argument gegen den Islam zu liefern.


Dienstag, 24. Januar 2012

die Sprache des Glaubens

Nein, diesmal geht es nicht um die arabische Sprache. Sondern um die Frage, warum es so schwierig ist, mit nicht gläubigen Menschen über den Islam zu diskutieren. 

Im Anschluss an den letzten Beitrag sind mir - nicht zuletzt aufgrund verschiedener Fragen, die mir und anderen Muslimen immer wieder von Nichtmuslimen gestellt werden, noch ein paar Gedanken durch den Kopf gegangen.

Wie ich erwähnte, wurden mir anfangs viele Fragen nicht befriedigend erklärt. Immer wieder kam:

"das liegt in der Weisheit Gottes"

Ich hielt das für eine (faule) Ausrede. Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich diese Antwort wirklich verstand. Nicht die Wörter, die Weisheit dahinter ;). Das ist nicht einfach nur ein Satz, das ist ein Teil des Glaubens, den man begreift, wenn der Glaube stärker wird.

«Und es entgeht deinem Herrn nicht das Gewicht eines Stäubchens, weder auf der Erde noch im Himmel, und nichts Kleineres als dies oder Größeres; (es gibt) nichts, das nicht in einem deutlichen Buch (verzeichnet) wäre.» (Sure Yūnus: 61)

Wenn man nun mit Leuten spricht, die nicht in der Weise an Gott glauben, wie es ein Muslim tut, nämlich, dass Er seine Schöpfung nicht einfach sich selbst überlassen hat sondern immer die Fäden in der Hand hält, wenn man mit solchen Leuten z.B. über Gottes Gerechtigkeit spricht, dann ist es, als ob wir nicht dieselbe Sprache sprächen. Da können wir reden und reden und reden und der andere versteht immer nur Bahnhof. 

Außer, er öffnet sich. Lässt es ein. Fängt am Anfang an, nämlich indem er sich intensiv mit dem Koran beschäftigt. Von dem Moment an, wo ihm die Verbindung "Vorherbestimmung" und "Freier Wille" nicht mehr so paradox erscheint, wo er sich bewusst wird, wie beschränkt der eigene Verstand ist und wie groß  Gottes Weisheit (Allahu Akbar!), von dem Moment an fängt er langsam an, die Sprache des Glaubens zu verstehen. 

Bis dahin muss er sich vermutlich mit der "Ausrede" «es liegt in der Weisheit Gottes» begnügen...

Sonntag, 22. Januar 2012

eingetaucht

Als ich begann, mich mit dem Islam auseinander zu setzen, stellte ich Fragen über Fragen und erhielt beileibe nicht immer eine befriedigende Antwort.  

Da ich nicht einfach nur glauben kann, sondern verstehen wollte,  las ich erst mal den Koran, mehrmals und in verschiedenen Übersetzungen, und lernte aus verschiedenen Quellen  so einiges über die Religion. Dadurch erschlossen sich mir mit der Zeit  gewisse Weisheiten (beileibe nicht alle!) hinter zunächst unverständlich erscheinenden Aussagen und Anordnungen. (Hätte man mir diese Dinge erklären wollen, als ich noch nicht einmal an Gott glaubte, wäre es gewesen, als ob man jemandem, der noch nie vom Einmaleins gehört hat, die höhere Mathematik erklären wollte.)

Inzwischen bin ich vielleicht etwa in der zweiten Klasse, was den Islam anbelangt ;), und noch sind viele Gebote und Vorgaben mit elterlichen Weisungen und Verboten vergleichbar: das Kind versteht das Warum (noch) nicht, hält sich aber trotzdem daran, weil es genau weiß und spürt, dass die Eltern nur sein Bestes wollen. 

Nein, nein, wir sollen keinesfalls blind Regeln befolgen, ohne Fragen zu stellen. Ganz im Gegenteil - wir werden im Koran immer wieder aufgefordert,  nach Wissen zu streben. Trotzdem bleibt dem Verstand, je nach Wissenstand - persönlichem und allgemeinem - (noch) vieles verborgen, sei es in der Natur, in der Wissenschaft oder eben in der Religion (für einen Muslim hängt sowieso alles zusammen). 

Aber wenn man einmal wirklich aus tiefstem Herzen an Gott glaubt und daran, dass Er durch seine Schriften und Bücher (z.B. Thora, Bibel, Koran) mit den Menschen kommuniziert, und dass der Koran Seine unverfälschte Botschaft ist und Muhammad s.a.s Sein Gesandter, dann sucht man wohl weiterhin nach Wissen und lernt, lässt sich aber bei der Suche gerne von Seinen Weisungen leiten, auch wenn man nicht alle versteht.

Etwas Schönes zum Thema Lernen, aus "Brida" von Paulo Coelho:

«Sie war mit ihrem Vater am Strand und er bat sie, zu schauen, ob die Wassertemperatur angenehm sei. Sie war fünf Jahre alt und freute sich, nützlich zu sein, und sie ging zum Wasser und benetzte die Füße.
"Ich habe meine Füße nass gemacht" rief sie - "es ist kalt!".
Der Vater nahm sie auf den Arm und warf sie, ohne die geringste Vorwarnung, ins Wasser. Im ersten Moment erschrak sie - doch dann freute sie sich über den Spaß.
"Wie ist das Wasser?" fragte der Vater.
"Es ist ganz angenehm" antwortete sie.
"Dann rate ich dir, wenn immer du von jetzt an eine Sache wirklich wissen willst, dann tauch in sie ein."
(Mir liegt nur die Originalausgabe vor, die Übersetzung ist von mir.)

Übrigens, um zum Thema zurück zu kommen: ich habe immer noch Fragen über Fragen. Und immer noch habe ich nicht auf alle eine befriedigende Antwort erhalten.  Und gebe zu, dass ich auch  beträchtliche Schwierigkeiten habe, herauszufinden, aus welchen Quellen ich mein Wissen am besten nehme. Deshalb bitte ich Leute, die mich verstehen möchten und mir deshalb bestimmte Fragen stellen, um Nachsicht, dass ich die einen nicht auf die Schnelle beantworten kann und andere gar nicht, und dass ich trotzdem glaube. 
Auf jeden Fall bin ich schon mal eingetaucht ;)

Samstag, 14. Januar 2012

wundersamer Spaziergang


Der Spaziergang, den wir mit unseren Hunden der algarvischen Steilküste entlang machen, ist mehr oder weniger immer derselbe. Manchmal gehen wir da rum, manchmal dort, fangen hier an oder da, aber im großen Ganzen ist es immer dieselbe Runde. Der gleiche Weg.

Nun fragt ihr euch wahrscheinlich, was so eine Hunderunde mit Islam  zu tun haben soll..

Nun, der Qur'an, in dem ich zu lesen pflege, ist auch immer derselbe. Manchmal fang ich am Anfang zu lesen an, manchmal am Ende, oft mittendrin. Der Weg  ist immer derselbe.


Und gleichzeitig jedesmal neu


jedesmal ganz anders




manchmal










 stoße ich auf ungeahnte Tiefen,  die sich bei näherer Betrachtung als wunderbare Allegorien entpuppen


manchmal,

auf unscheinbare Worte, die ihre Schönheit erst entfalten, wenn man ganz genau hinsieht.






auf immer wieder neue Gleichnisse





auf Furcht einflößende Finsternisse









und auf strahlende Helligkeit




auf das Leben



und den Tod




Auf meinem Spaziergang ist die Natur jeden Tag dieselbe und trotzdem neu und anders, aber der Weg ist immer der gleiche. Wie das Buch der Bücher jedes Mal, wenn ich es aufschlage, wieder neu, wieder anders ist. Der Weg, den es mir zeigt, ist immer der gleiche. Ein ewiges Wunder. SubhanAllah.

Wie wahr ist doch das muslimische Sprichwort:

"Der Koran ist ein sprechendes Universum 
und das Universum ist ein schweigender Koran"

Dienstag, 10. Januar 2012

Sanftmut - für A.

Eigentlich, dachte ich, nachdem ich nachstehenden Beitrag auf fb gepostet hatte, wäre es unfair, wenn dieser "junge Mensch", der ihn verursacht hat (und der durch dieses Blog auf mich aufmerksam wurde), ihn nicht sehen könnte.

Und auch da - wie ich gerade in den letzten Tagen wieder feststellte - wir so schnell beleidigte und aufbrausenden Menschen,  Muslime oder nicht, fb-Nutzer oder nicht,  nie genug Geduld, Freundlichkeit und Sanftmut haben können, hier ein Screenshot des Beitrags - ich widme ihn A.;):



Montag, 9. Januar 2012

ungefähre Bedeutung


وَالَّذِينَ إِذَا أَصَابَهُمُ الْبَغْيُ هُمْ يَنتَصِرُونَ

وَجَزَاءُ سَيِّئَةٍ سَيِّئَةٌ مِّثْلُهَا ۖ فَمَنْ عَفَا وَأَصْلَحَ فَأَجْرُهُ عَلَى اللَّهِ ۚ إِنَّهُ لَا يُحِبُّ الظَّالِمِينَ


"Koran", arab. "Qur'an" darf sich ausschließlich das arabische Original nennen - alles andere ist nur "ungefähre Bedeutung" . Die Verse 39 und 40 aus Sure 42 (die Beratung) sind eines der vielen Beispiele, die besonders deutlich machen, warum das so ist. 

Um es zu veranschaulichen, habe ich mal die mir vorliegenden deutschen Übersetzungen zusammengetragen (alphabetisch geordnet). Sie sind selbstredend. Man beachte insbesondere  «"sich verteidigen" = "sich zur Wehr setzen" = "sich selbst helfen" = "sich rächen" = "sich wehren" =   "zurückschlagen"......» 

Mittwoch, 4. Januar 2012

aufgeschlossen

Muslim/a ist nicht einfach Muslim/a – genauso wie Christ/in nicht einfach Christ/in ist oder Atheist/in nicht Atheist/in ist. Hinter diesen Bezeichnungen verstecken sich Menschen. Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen, unterschiedlichsten Auffassungen, unterschiedlichsten Möglichkeiten – in jeder Beziehung. Und auch im Islam gibt es, wie in jeder Religion, verschiedene Gruppierungen. Und innerhalb der Gruppierungen gibt es weniger strenge und ganz strenge, liberale und sehr progressive Auslegungen.

Traurig ist allerdings, dass zwischen Angehörigen einzelner Gruppen so viel Intoleranz herrscht. Dass manche ganz eifrige Muslime anderen mit der Hölle drohen, weil diese eine Sache etwas weniger strikt handhaben. Und dass auf der anderen Seite welche, die es lockerer nehmen, denjenigen, die den Glauben besonders ernst nehmen, fehlenden Verstand vorwerfen. Am meisten stört mich, dass viele dieser Statements nicht sachlich und freundlich, sondern vorwurfsvoll und feindselig geäußert werden. 

Ebenso, wie es einem "liberalen" Muslim weh tut, wenn man ihm sagt, er picke sich nur nach eigenem Gutdünken das beste aus dem Islam  heraus, tut es einem "konservativen" Muslim weh, wenn man ihm sagt, was er mache, sei unnötiger fundamentalistischer Schwachsinn.

Immer und immer wieder rezitieren wir in unseren Gebeten Al-Fatiha. In der ungefähren Übersetzung heißt das "die Öffnende" oder "die Eröffnende". Es ist die erste Sura, sie eröffnet den Koran. Und sie soll unsere Herzen für den Glauben öffnen. Aufschließen. So öffnen wir wir sie auch für unsere Mitmenschen und werden zu aufgeschlossenen Muslimen und Muslimas, offen, sich andere Meinungen anzuhören, sie gelten zu lassen und nicht nieder zu machen - auch wenn sie sie nicht richtig finden.

Liebe Glaubensgeschwister, die ihr nach Toleranz von den Nichtmuslimen schreit – lasst uns erst mal untereinander tolerant sein! Der Friede sei mit euch allen.