Dienstag, 10. April 2012

Ketten

Es kommt immer wieder mal vor, dass man auf Texte stößt, welche das ausgefeilte, anfangs vor allem mündliche System der Überlieferung der Korantexte aus dem 7. Jahrhundert, in dem noch kaum geschrieben wurde, durch die Zeiten hindurch bis hin zu uns, durch "neue wissenschaftliche Erkenntnisse"  in Frage stellen - und somit die Authentizität des Koran anzweifeln. Ich kann aus eigenem Wissen wenig zu diesem Thema beitragen, wenn es mir auch komisch vorkommt, dass irgendwelche Textfragmente, die irgendwelche Leute irgendwo ausgegraben haben, von irgendwelchen Menschen geschrieben, die diese Texte ja ihrerseits von irgendwelchen nicht verifizierbaren Leuten in unbekannten Sprachen übernommen haben können, dass solche Textfragmente mehr Beweiskraft haben sollen als das ausgeklügelte islamische Überlieferungssystem. 


Zum besseren Verständnis für Nichtmuslime sei diese Technik der Überlieferung hier kurz beschrieben. Ich habe den folgenden Text aus einem Forum übernommen (mit dem Einverständnis des Verfassers - danke!), weil er die Sache so schön kurz auf den Punkt bringt. Obwohl ich von ganzem Herzen von der Authentizität des Koran überzeugt bin, bin ich immer froh, wenn ich wieder einen Teilaspekt des Glaubens auch verstandesmäßig voll und ganz nachvollziehen kann. InshaAllah hilft der Beitrag auch anderen:


«Ganz abgesehen davon ist der Koran mit tausenden von lückenlosen Überliefererketten auswendig überliefert worden, Überliefererketten, die über die ganze Welt verteilt sind und bis zum den Propheten (s) höchstpersönlich zurückreichen, und das ist ein weit stärkerer Beweis, als es jedes Manuskript aus der Prophetenzeit (!) sein könnte. Es existiert weltweit keine einzige Überlieferkette für einen Koran mit einem Vers mehr oder einem Vers weniger als im heutigen Koran, noch nicht einmal bei den abgedrehtesten Sekten, und von denen gibt/gab es ja hunderte.


Heutzutage bekommst du an jeder der tausend islamischen Universitäten ein Zeugnis, wenn du deinem Lehrer den Koran auswendig und ohne eine einzige Silbe falsch ausgesprochen zu haben, vorgelesen hast. Die Kriterien sind sehr streng. Mit dem Zeugnis erhältst du eine "Ijâza" und wirst mit deinem Namen Teil einer offiziellen Überliefererkette, in der der Name deines Lehrers steht, und der Name des Lehrers, dem er wiederum auswendig vorgelesen hat, dann des Lehrers, dem der wiederum auswendig vorgelesen hat, und so weiter - bis zum Propheten (s).

Wenn es nur eine oder zwei solcher Namensketten gäbe, dann würde ich dir recht geben, dann wäre es eine Vermutung. Aber es gibt Zehntausende (!) dieser Ketten über die Universitäten und Koranschulen der ganzen Welt verstreut, und diese Ketten sind so unterschiedlich und somit die Masse der Zeugen so gewaltig, dass es Wahnsinn wäre zu denken, dies sei das Produkt einer gewaltigen Verschwörung.

Eine einzelne Kette wird erst dann als authentisch eingestuft, wenn jeder Gewährsmann genau bekannt, seine Vertrauenswürdigkeit bestätigt ist und die Kette lückenlos ist.

Kein Text der Weltgeschichte ist je auf diese Weise gesichert worden, außer dem Koran. Was hier an Akribie geleistet wird und wurde, übersteigt jede Vorstellungskraft.»

Das ganze geht nämlich soweit, dass für so manchen, wenn nicht jeden einzelnen Vers eine Überlieferkette existiert, z.B. um zu wissen, in welchem Stil (!) er rezitiert werden kann.»


«O ihr Menschen, zu euch ist nunmehr ein Beweis von eurem Herrn gekommen, und Wir haben zu euch ein deutliches Licht hinabgesandt.» (An-Nisã 174) 




Nachtrag:

Ich frage mich gerade, was wohl in ein paar tausend Jahren Archäologen zu den Fragmenten erfinden, die sie aus unserer Zeit ausgraben – wohlverstanden nachdem unsere Kultur genauso untergegangen ist wie alle zuvor, die ganze Technik verrostet und verrottet ist und von unseren Monumenten nur noch Ruinen stehen. Wieviel größer sind wohl die Chancen, dass  ein paar Hufaz (=  Mehrzahl von Hafiz = Muslim, der  den Koran auswendig kann) den Koran in die neuen Zeiten hinüber retten als dass zukünftige Historiker aufgrund ein paar wenigen von heute übrig gebliebenen Fragmente heutiger Veröffentlichungen (!!! man bedenke die Menge und die Vielseitigkeit der Themen!!!) irgend einen Text originalgetreu zusammenstellen können?

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Kommentare:

  1. Da hast du vollkommen Recht.
    Selbst die Orientalisten mussten schweren Mutes feststellen, dass der Koran von heute mit dem Schrifttum der Sahara nahezu identisch ist.

    Ich bewundere deine Arbeit und Mühe.
    Möge Allah dich immer schützen und belohnen.

    Salam Aleikum

    PS: Vielleicht solltest du deine Seiten auch über muslimische Facebook Seiten verteilen, das erhöht die Reichweite an Lesern ungemein.

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    1. Wa alaykum as-salam

      Ich denke du meintest die Sahaba...

      Ja danke, das mit dem fb ist eine gute Idee, die ich inzwischen teilweise schon umgesetzt habe. Schau mal hier auf der Seite ziemlich weit oben rechts neben dem Haupttext findest du den Link zur ausgerechnet-islam fb Seite, da poste ich alle neuen Beiträge. Selbstverständlich freue ich mich über jeden Like :) Und natürlich darf auch gerne geteilt werden.

      Übrigens soll die Seite ja nicht nur Muslime ansprechen - von denen wissen die meisten ja mehr als ich :)

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  2. "Der Koran liegt uns heute so vor , wie ihn die Zeitgenossen Mohammeds aus dessen Munde vernahmen." Rudi Paret, Orientalistikprofessor in Tübingen, gestorben 1983

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