Freitag, 7. September 2012

vermisst. nachschlag.

Ich muss nochmal auf meinen vorigen Beitrag zurück kommen. Und mich ganz speziell an Angehörige von Konvertierten richten. Denn die muslimischen Eltern oder Freunde dieser "Achmeds" und "Fatimas" auf den Plakaten werden die Aktion schon richtig einordnen können und nicht in Panik geraten, weil ihre Tochter, ihr Sohn oder Freund 5x am Tag zu bestimmten Zeiten betet oder kein Schweinefleisch isst, sich 'zu warm anzieht' und/oder keinen Alkohol (mehr) trinkt - ganz einfach weil das für sie noch lange keine Alarmzeichen sind, sondern normaler muslimischer Alltag.



Für viele Nichtmuslime aber, die es nicht gewohnt sind, dass jemand nicht nur auf dem Papier religiös ist sondern diese Religiosität auch auslebt, sind gerade dies, - noch gefördert durch die undifferenzierte Plakataktion, unter Umständen schon  -  "gefährliche Anzeichen für Radikalismus".

Ich z.B. bin ja nämlich - obwohl ich ganz bestimmt nicht radikal bin sondern nur versuche, so gut ich kann die fünf Säulen, also die Basis des Islams zu befolgen,  - auch so eine "Vermisste" geworden. "Ich vermisse die alte C., du bist nicht mehr dieselbe" und "ich habe Angst um dich" habe ich nicht nur einmal gehört.

Natürlich habe ich mich verändert, es verändert einen Menschen, wenn er religiös wird. Genauso wie es ihn verändert, wenn er z.B. erwachsen wird. Oder heiratet. In die Wechseljahre kommt. Auswandert. Oder sich scheiden lässt, oder ein neues Hobby anfängt. Auch Beziehungen zu Freunden und Familienmitgliedern verändern sich durch solche Lebenseinschnitte. Das ist ganz normal und bedarf keiner Vermissten-Anzeige.

Dass es aber zu einer deutlicheren Entfremdung kommen kann, wenn jemand den Islam annimmt, das liegt ganz bestimmt nicht nur an den  Neumuslimen selber. Das möchte ich an einem Beispiel erläutern. Das Beispiel ist schlecht,  aber da es so viele nicht-gläubige und fast-nicht-gläubige Leute gibt, nehme ich behelfsmäßig einen Sport als Vergleich - nicht religiöse Menschen können dann besser nachvollziehen, was ich meine.

Stellt euch vor,  ein Sohn oder Freund* beginnt, sich ernsthaft für eine Sportart zu interessieren, zum Beispiel für Fussball. Er kickt selber ein wenig im Dorfclub. Er wird Fan eines Bundesligavereins, kauft sich Halstücher und Unterhosen in dessen Farben, verpasst möglichst kein Spiel, trifft sich gerne mit seinen Fussballfreunden, unternimmt viel mit ihnen, auch fernab vom Fußballplatz. Er hat dadurch natürlich weniger Zeit für seine Freunde und Angehörigen, und wenn doch, will er auch mit ihnen gerne mal über Fußball sprechen, von dem diese aber (in unserem Beispiel) keine Ahnung haben.

Denn - jetzt stellt euch vor dass  seine Eltern, seine Verwandten, seine Freunde - alle total gegen Fußball eingestellt sind. Sie halten es für einen Proll-Sport, der den Charakter der Menschen verändert. Sie versuchen, dem Freund oder Sohn klar zu machen, dass er seine Zeit vertrödelt. Sie werfen ihm immer wieder vor, von seinen  Fußballfreunden schlecht beeinflusst zu werden. Sie geben ihm mit und ohne Worte zu verstehen, dass ihrer Ansicht nach nur dumme Leute Fußball mögen und nehmen ihn  nicht mehr ernst, weil er ständig mit in ihren Augen geistig minderbemittelten Fußballfreaks zusammen hockt. Sie rollen genervt die Augen, wenn er wieder seine Sportklamotten zusammensucht und "schon wieder" zu diesem Sch...training geht. Sie sagen, alle Fußballer seien Fanatiker und ließen keinen anderen Sport gelten und weisen darauf hin, wie viele gewaltbereite Alkoholiker es unter ihnen gebe. Sie haben große Angst, dass ihr Sohn/Freund abdriftet und zum Hooligan wird  und ihnen ganz entgleitet. 

Muss ich noch sagen, was passiert? Kann man es dem armen Fußballfan dann übel nehmen, wenn er in der Folge halt immer öfter schweren  Herzens auf die Gesellschaft dieser Eltern/Verwandten/Freunde verzichtet, weil es einfach weh tut, wenn einem das, was man gern mag, gern tut, was einem wichtig ist, die ganze Zeit vermiest wird? Ist es dann verwunderlich, wenn er sich immer mehr zu seinen Fußballfreunden zurückzieht, die ihn verstehen, mit denen er Spaß  hat und mit denen er fachsimpeln kann?

Genau das passiert in vielen Familien, in denen ein Mitglied zum Islam konvertiert. Fußball war wie gesagt ein schlechtes Beispiel - einerseits weil es wahrscheinlich niemanden gibt, der diesem Sport derart negativ gegenübersteht wie viele Menschen dem Islam. Andererseits ist es, auch wenn einem richtigen Fan sein Club und sein Sport sehr am Herzen liegen -  nicht  vergleichbar mit der Verbindung, die ein Mensch zu seinem Glauben hat - welcher es ist, ist hier irrelevant. Relevant ist aber, dass nur der Islam derart vehement abgelehnt wird. 

Nochmal, ich will hier nicht Sport mit Religion vergleichen, sondern nur ähnliche Verhaltensmuster und ihre Folgen aufzeigen. Ich will auch nicht die Gefahr verharmlosen, die von wirklichen Fanatikern und Extremisten, die es unbestreitbar gibt,  ausgeht. Aber ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass es in unserer Gesellschaft viele andere Risiken gibt (Verkehrs- und andere Unfälle, Neo-Nazi-Szene, häusliche Gewalt, Drogensucht, Kriminalität, Prostitution, Alkohol- oder Spielsucht usw. usw., ) und es nun wirklich nicht nötig ist, so zu tun, als ob der Islam die größte Gefahr wäre, die unseren Söhnen, Töchtern, Freunden, Bekannten und der gesamten Gesellschaft droht.

Auch ein lesenswerter Beitrag zu diesem Thema: "Fatima hat die Schnauze voll" von Anja Hilscher im "Migazin"

*) Es kann natürlich genauso gut auch eine Tochter oder eine Freundin sein :) - der Lesbarkeit des Textes zuliebe habe ich verzichtet, überall  "er/sie" und "der/die" und .../Innen im Text zu schreiben.

Kommentare:

  1. As-salamu alaikum! Sehr guter Post! Genau so ist es. Wenn das die Leute, die du ansprichst, doch nur lesen würden...

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  2. salam aleikum wa rahmatuh Allah(ta) wa barakatuh

    vielen Dank. Du hast mir aus der Seele gesprochen. Genau darüber habe ich die ganze nachgedacht. Mir fällt dazu auch noch ein, dass Menschen die niemanden mehr vertrauen können, da sie bespitzelt werden, sich wahrscheinlich auch zurückziehen werden. Dein Vergleich mit dem Fussballclub war einleuchtend.

    aleikum salam

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  3. Noch mal Ich. Darf ich Deinen Link auf FaceBook teilen?

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    1. Selbstverständlich. Rechts außen ist eigens ein Knopf dafür: "share this on facebook". (Übrigens gibt es auch eine ausgerechnet Islam fb- Seite)

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