Donnerstag, 16. Mai 2013

Nachwirkungen oder das Paradies auf Erden

Ob sich mein Leben nach Saudi Arabien verändert habe, wurde ich gefragt.


Ja, sie wirkt nach, die Umra und der Aufenthalt im muslimischen Umfeld, natürlich. Ich bin geerdet, habe mehr Boden, fühle mich aufgehoben im Islam, weiß um den Rückhalt, den ich da draußen habe. Wenn ich im Gebet Richtung Qibla1) stehe, fühlt sich das jetzt anders an, nah, trotz der Entfernung. Da ist außerdem etwas mehr Wissen, vielleicht auch ein klein wenig mehr Geduld (ich gebe mir Mühe), ein klein wenig mehr Licht, inshaAllah. Aber auch ein wenig mehr Bewusstsein dafür, wie es sein kann, wenn man als (praktizierender) Muslim unter (praktizierenden) Muslimen lebt. Und ein wenig mehr Sehnsucht danach, so leben zu können. Nach der Moschee um die Ecke. Nach den  Gesprächen über den Din2) (uf schwiizertüütsch!). Nach Hinweisen wie: "Nimm die rechte Hand". Nach dem Adhan3) nebenan. Nach der Selbstverständlichkeit der 'MaschaAllahs' und "SubhanAllahs". Nach den Istirahas4) und den Durus5) mit den saudischen Frauen, wo ich  nicht viel verstand aber trotzdem viel lernte. Nach dem saudischen Kaffee, dem gelben, der so gar nicht nach Kaffee schmeckt und der unaufhörlich in kleinsten Tässchen nachgegossen wird - aber immer nur halbvoll. Nach jedem einzelnen Mitglied der tollen Familie, die mich fast einen Monat lang beherbergte und nach Strich und Faden verwöhnte. Nach A. und N. und der Biene Maja und nach S. und ihren drei M's. Und und ...

Zurückgeblieben ist leider auch eher etwas mehr als weniger Verwirrung, was meine Verbiegungen betrifft: sind es wirklich selbstlose einfühlsame Kompromisse, um liebe Menschen nicht zu brüskieren, oder sind es nur feige Zugeständnisse, um nicht als rücksichtslose Egoistin dazustehen, und weil es so bequemer ist? Gott weiß es.

Auf jeden Fall ist es schön, wieder zuhause zu sein, bei meiner Familie, in meinem Haus, meinem Garten, an der wunderschönen Algarveküste - der Gegensatz zur Wüste Saudi Arabiens könnte nicht größer sein.

Könnte man doch das Gute von dort und von hier in ein Mixglas geben, ein bisschen Schweiz dazu und gut durchschütteln, da käme das Paradies auf Erden heraus :).


1) Die Gebetsrichtung. Muslime stellen sich zum Pflichtgebet in Richtung der Ka‘ba auf.
2) Religion, Glaube, Lebensführung im Islam
3) Der Gebetsruf
4) Geselliges Zusammensein in speziellen Räumlichkeiten oder Gärten, oft gemietet
5) Lektionen, Unterricht, Unterweisung





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