Donnerstag, 7. November 2013

abhängig

Vor meiner Begegnung mit dem Islam war der PC für mich ein reines Arbeitsgerät. Ich konnte wohl mit Word und Excel & Co. ganz gut umgehen, aber dem Facebook-Konto, das ich auf Anraten meiner Söhne eröffnet hatte, konnte ich beim besten Willen nichts abgewinnen. Das Internet nutzte ich lange Zeit fast ausschließlich als Nachschlagewerk. Später kamen dann die Recherchen über die Religion und natürlich auch meine Online-Unterrichte dazu - derjenige, den ich gebe (Portugiesisch) und der andere, den ich nahm (Arabisch). 


Von "Blogs" hatte ich zuvor noch nie gehört. Vermutlich bin ich bei meinen Nachforschungen zum Thema Islam erstmals auf ein Blog gestoßen. Irgendwann entdeckte ich, dass mir dieses Medium behilflich sein konnte, es schien mir eine Methode, mich meinem entsetzten Umfeld schonend zu erklären, ohne ständig unterbrochen und mit Gegenargumenten bombardiert zu werden.

Inzwischen ist das Entsetzen befremdeter, etwas mitleidiger bis herablassender Toleranz gewichen. Damit kann ich leben. Angenehm ist es nicht, und fast jedes gesellige Zusammensein hat einen unangenehmen Beigeschmack. Die Gegenargumente sind nämlich auch unausgesprochen präsent, sie hängen zusammen mit der mitleidigen Toleranz und dem Befremden stets in der Luft und machen diese dick. Auch ich selbst möchte manches sagen, erzählen und erklären, traue mich aber nicht, weil es als Missionieren ausgelegt wird oder weil sich dann jene Gegenargumente doch wieder in ausgesprochene Worte verwandeln könnten. Konkrete Fragen stellt man mir übrigens nie. Kommt noch dazu, dass hier eigentlich bei allen Anlässen Alkohol getrunken wird. Und wenn man selber gar keinen trinkt, nimmt man am Gegenüber spätestens das zweite Glas wahr - es ist nämlich in der Tat so, dass schon kleinste Mengen das Verhalten der Menschen verändern, und zwar nicht zum Besseren.

Natürlich gibt es für mich andere Themen als Religion, viele, aber es ist einfach anstrengend, den Glauben krampfhaft aus jedem Gespräch herauszuhalten. Denn Islam ist keine "Sonntagsreligion", auch nicht nur Rituale, Gebote und Verbote, sondern eine Lebensweise, welche alle Aspekte des Seins und Denkens und somit die Ansichten und Einstellungen zu vielen Themen beeinflusst, was sich natürlich besonders in den beliebten, sogenannten "Gesprächen über Gott und die Welt" niederschlägt. 

Um auf den Ausgangspunkt dieses Beitrags und auf den Titel zurückzukommen: Inzwischen findet aus erwähnten Gründen mein soziales Leben hauptsächlich via Internet statt. Es braucht mich deswegen niemand zu bedauern: Ich habe durch dieses Medium ganz tolle Leute kennengelernt, mit manchen haben sich interessante und bereichernde Korrespondenzen ergeben, ein paar von ihnen durfte ich sogar persönlich kennen lernen, einigen konnte ich ein wenig helfen, andere halfen mir ganz gewaltig, Al-hamdu li-llah, wie als Bestätigung der Verse:

"Und ihr gebt nichts als Spende hin, ohne dass Er es euch ersetzt..." (34:39)

Das Gleichnis derjenigen, die ihren Besitz auf Allahs Weg spenden, ist das eines Saatkorns, das sieben Ähren wachsen lässt, (und) in jeder Ähre hundert Körner. Allah vervielfacht, wem Er will........ (Al-Baqara: 261)

(PS: Spende ist alles, was man Mitmenschen Gutes tut, und wenn es nur ein Lächeln ist)

Ja, ich gebe es zu: ich bin ein wenig abhängig. Ich hänge insofern von der Technik ab, als ich sie brauche, um Verständnis, Rückmeldung, auch Anerkennung und Kritik von Menschen zu bekommen. Das, was mir im realen Leben fehlt. Ein paar "Likes", eine Plauderei oder eine Diskussion auf Facebook, eine E-Mail, ein Chat, eine Unterhaltung im Forum und natürlich nicht zuletzt dieser Blog und die Reaktionen darauf ersetzen persönliche Gespräche. Auch letztere sind möglich: Skype sei Dank kann man über tausende von Kilometern hinweg miteinander quatschen und Kaffee trinken oder auch gemeinsam lernen .

Ja, ich bin tatsächlich ein wenig abhängig, genauso, wie jeder Mensch vom Kontakt mit anderen Menschen abhängig ist - nur dass zwischen mir und meinen Kontakten zur Überwindung einer großen räumlichen Distanz dieses Gerät steht. Dass ich manchmal auch zu lange vor dem Bildschirm sitze, herumsurfe, will ich gerne gestehen: ab und zu versuche ich, mich da ein wenig einzuschränken. Aber andererseits habe ich auf diese Weise schon so viele interessante Berichte gefunden, die ich dann wieder weiter verlinken konnte. Und im Gegensatz zum Fernsehen kann ich mir im www meine Informationen gezielt auswählen.

Es geht mir gut damit, bis auf wenige Momente des Haderns, die meist schnell weggeblasen sind, wenn ich an diejenigen Menschen denke, die wirklich einsam sind und weder Internet noch Glauben haben...

Vielleicht ist aufmerksamen Lesern aufgefallen, dass ich eingangs schrieb "den Unterricht, den ich nahm". Nein, ich habe das Arabischlernen nicht aufgegeben. Aber ich dachte, es täte mir doch gut, wieder mal raus zu kommen und neue Leute kennenzulernen.  Und da in der Nachbarstadt ein öffentlicher Kurs angeboten wurde, habe ich mit einem weinenden Auge den Online-Unterricht zeitweilig eingestellt und drücke nun in >Silves, einer Stadt, die übrigens unter arabischer Herrschaft mal kurzzeitig Portugals Hauptstadt war, wieder einmal eine richtige Schulbank. Natürlich auch in der Hoffnung, dass ich mich durch die Vervierfachung des Wochenpensums (hört sich mehr an, als es ist: 2 Lektionen pro Woche statt eine alle 14 Tage) und den Gruppendruck zum vermehrten Pauken überliste. (Bevor jemand nachfragt, warum ich nicht beides mache: wie ihr wisst, leiden wir hier in Portugal unter "troik'scher Extrem-Gürtelengerschnallpolitik" - beides gleichzeitig liegt einfach finanziell nicht drin).

Ich werde gelegentlich wieder einmal einen Artikel zum Thema "Arabisch" schreiben und von den neuen Erfahrungen und - inschaAllah - meinen Fortschritten erzählen. Doch ich möchte die Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass man hier:
ein Klick aufs Bild führt weiter
online per Skype arabisch lernen kann, und zwar bei einem sehr kompetenten und geduldigen Dozenten. Vielleicht möchte ja jemand meine Stunden übernehmen...

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