Samstag, 25. Oktober 2014

Mein Hadsch zweiter Teil. Innenschau.

Dann will ich jetzt also nach der ">>Außenansicht" versuchen, eine Idee zu vermitteln über die inneren Dimensionen meines Hadsch - ohne dabei meine Seele zu sehr zu exponieren und ohne spirituelle Momente zu "zerschreiben",

Die (Zeit der) Pilgerfahrt (sind) bekannte Monate. Wer in ihnen die (Durchführung der) Pilgerfahrt beschlossen hat, der darf keinen Beischlaf ausüben, keinen Frevel begehen und nicht Streit führen während der Pilgerfahrt.... (Al-Baqara: 197)

...und nicht Streit führen... Gar nicht so einfach, wenn praktisch jeder einzelne Pilger durch die körperlichen Strapazen und den Schlafentzug oft auch psychisch am Anschlag ist. Und man inmitten der Menge einen heißen, trockenen Hauch von "jenem Tag" spürt, dem Tag, wo man ganz allein vor dem Schöpfer stehen wird -  jedermann von ihnen wird an jenem Tag eine Angelegenheit haben, die ihn beschäftigt. ('Abasa: 37) - an dem "Tag, da keine Seele für eine (andere) Seele etwas (auszurichten) vermag..."  (Al-Infitār: 19). Doch mit ganz wenigen Ausnahmen reißen sich alle zusammen, helfen einander, wo sie können, manchmal kann man einem erst genervten Gesichtsausdruck, der sich plötzlich in ein freundliches Lächeln verwandelt, die Bemühung direkt ablesen. Insgesamt überwiegen die fröhlichen Gesichter bei weitem - selbst in den unangenehmsten Situationen.


Das Zusammensein mit den Glaubensschwestern war ein besonderes Erlebnis - vor allem der Aufenthalt in den Zelten. Tolle Frauen lernte ich kennen! Da wurden spontane Koranlesestunden abgehalten, alle halfen einander mit Rat und Tat und Kleiderbügeln, Shampoo und Medikamenten aus, versorgten sich gegenseitig mit Wasser, Kaffee oder Tee, es war einfach schön. (Das sagt eine, die noch vor Kurzem jeden ausgelacht hätte, der ihr einen Urlaub mit Massenlager angeboten hätte, eine Individualistin, die ihre Privatsphäre braucht, gern allein ist, sich zurückziehen, die Türe zumachen können muss...).Und dann waren da noch diese unglaublichen Saudifrauen, die bei uns wohnten, sich über die Diskriminierung der Europäer wunderten (offenbar sind die arabischen Teile der Zeltstadt bedeutend komfortabler eingerichtet) und jede einzelne von uns reich beschenkten. جزاكن الله خيرا



Über die körperlichen Befindlichkeiten möchte ich mich nicht allzu ausführlich auslassen. Kurzfassung: Es ging in jeder Hinsicht an alle Grenzen. Erst Magen-Darm-Verstimmung - dank gnadenlos überdosiertem Immodium und einer Diät aus Laban, Bananen, Tee und Zwieback überlebte ich die ersten 10 Tage ohne peinliche Zwischenfälle. Dann tat natürlich mein lädierter Rücken weh. Ziemlich weh, trotz des genialen Stühlchens, das mich vor langem Stehen und somit vor dem Schlimmsten bewahrte. Und die armen Füße übersähten sich mit Blasen - in den allerbequemsten, intensiv eingelaufenen Latschen. Dazu kam in der zweiten Hälfte des Aufenthaltes die obligate Bronchitis mit einem Husten, der den ohnehin reduzierten Schlaf im wahrsten Sinne des Wortes erstickte. 

Und in diesem geschwächten Zustand gehen wir. Gehen und gehen, Kilometer um Kilometer, mal zu den Dschamarat, inmitten der Menge, durch wild durchlüftete Tunnels, dann wieder in praller Mittagssonne, teils auf Haupstraßen mit stinkendem Stoßverkehr. Dann um die Kaaba herum, dichtgedrängt, eingekesselt. Nicht zu vergessen der Saʽi (ritueller Lauf zwischen Safâ und Marwa) in der auf Kühlschranktemperatur airkonditionierten Moschee.

Doch es ist wie ein Wunder: Immer, wenn du denkst, jetzt geht es nicht mehr, gleich brichst du zusammen, kannst keinen Schritt weitergehen, beweist sich:

فَإِنَّ مَعَ ٱلْعُسْرِ يُسْرًا
Also gewiss, mit der Erschwernis ist Erleichterung,
إِنَّ مَعَ ٱلْعُسْرِ يُسْرًۭا
gewiss, mit der Erschwernis ist Erleichterung. 
(Verse 5 und 6 Sure 94)

...und plötzlich geht alles ganz leicht und alle Schmerzen und die bleierne Müdigkeit sind vergessen, als ob sie irgendwo außerhalb von dir wären, und du kannst dich nur schämen, dass du wieder so kleingläubig daran zweifeltest, dass Er dir im richtigen Moment helfen würde. Und dass du dich zum Jammern hinreißen ließest, wo es doch fast allen gleich und vielen noch viel schlechter geht als dir (so viele Rollstühle!). Und du erfährst, was "Tauba" (Reue) wirklich bedeutet, und der sehnsüchtige Wunsch, zu jenen zu gehören, "die (Allah) nahegestellt sein werden" (Al-Wāqi'a 11). Und es ist einfach nur noch schön und erhebend und erfüllend und du möchtest, dass es nie wieder aufhört... 

Und - auch wenn du weißt, dass ein Muslim diese Reise nur einmal im Leben machen muss und du dir bewusst bist, dass Millionen von Glaubensgenossen seit Jahren darauf warten, die Gelegenheit dazu zu bekommen und du ihnen nicht den Platz wegnehmen willst, reihst du dich unter all jene ein, die, kaum zu Hause, nichts lieber tun würden als so bald wie möglich wieder Richtung Mekka loszuziehen. Und alles viel viel besser zu machen.....

Ich wurde über die Nachwirkungen befragt:

Physische:
4 kg Gewichtsreduktion (ich befürchte, dass ich die bald wieder drauf habe...)
Verbesserte Kondition (ist leider bereits in Gefahr, da mein momentaner Gesundheitszustand vorläufig keine Märsche zulässt).
Die Bronchitis mit dem verhockten Husten, der nach wie vor allen Haus- und anderen -Mitteln trotzt.
Da gibt es noch eine "optische" Nachwirkung - doch darüber ein ander Mal.

Sonstige:
Ich habe viel gelernt, besonders über mich selbst, mir wurde so mancher Spiegel vorgehalten, أشكر الله. InschaAllah kann ich die gewonnenen Erkenntnisse umsetzen und sie helfen mir bei meinem Dschihad an-Nafs *). Mein Herz ist erfüllt von Liebe und Dankbarkeit und dem Wunsch, mich der mir zuteil gewordenen Gnade würdig zu erweisen. Und voller Hoffnung, Gott habe meinen Hadsch und die meiner Glaubensgeschwister trotz all der Fehler und Unzulänglichkeiten angenommen. 

Und: Meine Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein, ist um ein Vielfaches gestärkt. Danke danke danke. Alhamdulillah.

Wenn sie hören, was zum Gesandten (als Offenbarung) herabgesandt worden ist, siehst du ihre Augen von Tränen überfließen wegen dessen, was sie (darin) als Wahrheit erkannt haben. Sie sagen: "Unser Herr, wir glauben. Schreibe uns unter den Zeugnis Ablegenden auf." 
(Al-Mā'ida: 83)

Unser Herr, lasse unsere Herzen nicht abschweifen, nachdem Du uns rechtgeleitet hast, und schenke uns Erbarmen von Dir aus. Du bist ja der unablässig Schenkende. (Al 'Imrān: 8)



*) Dschihad an-Nafs ist der Kampf gegen das eigene Selbst, gegen Selbstsucht also, gegen schlechte Charaktereigenschaften (z.B. Neid, Geiz, Hochmut etc.) und gegen niedere Gelüste (z.B. Süchte aller Art). Das wird auch der  "große Dschihad" genannt.

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